Mittwoch, 27. Juli 2016

Wenn das Reden verschwindet...

Kurzgeschichte

'Guten Morgen! Aufstehen, Schätzchen!', rief meine Mutter in mein Zimmer und zog die Rollos hoch.
Ich wollte sie erst mal anbrüllen und darüber aufklären, dass es Samstag war und ich von der anstrengenden und langen Nacht noch zu erschöpft sei, um Aufzustehen. Doch als ich meine Hand hob, um meine Augen vor dem grellen Lichtschein zu schützen, geschah ... nichts. Meine Stimme versagte und in meinem Kopf dröhnte es. Wahrscheinlich hätte ich nicht die gesamte Nacht mit meinen Mädels durchmachen sollen, aber dieser Kerl, Mike oder Micha oder wie er hieß, war einfach verdammt schnuckelig gewesen. Nach der ersten gemeinsamen Zigarette spendierte er mir einen Cocktail nach dem anderen. Und küssen konnte er einfach nur genial. Wenn meine Freundinnen nicht gewesen wären, läge ich jetzt wahrscheinlich mit einem Filmriss in seinem Bett.

Deswegen schob ich meine fehlende Stimme auf eine Erkältung und ging erst mal ins Bad.
"Nach der heißen Dusche und einem Tee mit Zitrone wird es mir bestimmt wieder besser gehen.", sagte ich mir und verließ mit meinem kuscheligen Jogginganzug in der Hand das warme Bett.
Doch selbst nach einer Honig-Milch-Tassr und 3 Stunden Mittagsschlaf kehrte meine Stimme nicht zurück. Am Abendbrottisch kam statt "Butter" nur Gekrächze aus meinem Mund, woraufhin mich meine Mutter wieder ins Bett schickten.

Ähnlich verhielt es sich am darauffolgenden Sonntag: Selbst als meine Hals- und Kopfschmerzen gegen abend verschwanden, konnte ich immer noch nicht sprechen.
Auch als ich Montag in der Klasse stand und mich meine Freundinnen mit dem neusten Klatsch belagerten, kamen keine Worte über meine Lippen.

Mit den Tagen wurde ich immer wütender und fragte mich andauernd, was das sollte?! Wieso ich meine Stimme verloren hatte, obwohl ich mich in meinen Gedanken reden hören konnte. Der Hass stieg an und immer mehr Dinge fielen meiner Wut zu Opfer: Teller, Tassen, Besteck, mein Handy. Alles pfefferte ich in die Ecke, wenn ich mal wieder einen Anfall bekam und am liebsten laut geschrien hätte.
Ich war so deprimiert und heulte mich jeden Abend im den Schlaf. Ich wünschte mir nur, dass ich endlich wieder sprechen könnte.

Gemeinsam mit meiner älteren Schwester besuchte ich mehrere Ärzte, aber weder mein Hausarzt, noch die Fachärzte für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde konnte mir helfen.
Als ich mit dem 7. Arzt sprach, gab er mir den Ratschlag: "Sie sollten zu einem Psychologen gehen. Wenn ihre Beschwerden nicht körperlich bedingt sind, dann wahrscheinlich seelisch".

"Konnte das sein?", schrieb ich in mein Tagebuch. Früher hielt ich nichts vom Schreiben, aber in den Wochen ohne die Möglichkeit mich akustisch zu äußern, entdeckte ich das geschriebene Wort für mich neu. Es machte Spaß verschiedenste Sätze aus Worten zu bilden. Aus diesem Grund trug ich immer Block und Stift bei mir, um mir im Café etwas bestellen oder Ideen aufschreiben zu können.
Mir wurde auch immer öfter bewusst, dass ich früher, ohne darüber nachzudenken, gesprochen habe; einfach in Gespräche geplatzt war oder  unfreundliche Dinge geäußert habe.
Wahrscheinlich hört sich das komisch an, aber ich gewöhnte mich daran nicht sprechen zu können, denn ich hörte den Menschen mittlerweile lieber aufmerksam zu. Zwar gestaltete es sich schwierig mit meinen Freundinnen die obligatorische Mittagspause aktiv zu gestalten, aber ich bemerkte die feinsten Nuancen in ihren Stimmen und die sich verändernde Mimik in ihren Gesichtern.

Auch freundete ich mich mit einem Mitschüler an, der mir früher gar nicht aufgefallen war, weil auch er wenig sprach und sich im Unterricht zurückhielt. Ich genoss es meine wöchentliche Freistunde mit ihm zu verbringen, weil er seinen Hausaufgaben genauso nachkam - wie ich. Statt wie früher pausenlos mit Gerüchten um mich zu schlagen und die neusten Beautytrends mit anderen Mädels auszutauschen, nutzte ich die Zeit für Hausaufgaben. Ohne das ständige Getratsche fühlte ich mich ruhiger und auf mich konzentriert, auch wenn es schmerzte in meinem eigenen Körper wie gefangen zu sein.
Lars schien dies zu verstehen, denn er schrieb mir Zettel in der Freistunde, statt zu sprechen. Und so tauschten wir uns mit der Zeit nicht nur über Aufgaben aus...

Nach mehreren Terminen bei einer Psychologin, gelang es mir meine Stimme wieder zu bekommen. Es schien an einer stressbedingten Blockade gelegen zu haben, dass sich mir mein Körper verweigerte.

Und obwohl ich daraufhin endlich wieder aktiv am Quasselkreis in der Mittagspause teilnahm und endlich wieder richtig feiern gehen konnte, blieben Lars und ich Freunde.
Er wurde zu meinem Ruhepool, bei welchem ich auch mal schweigen konnte.

"Man lernt so viel, wenn man still ist und zuhört." -Sylvia Plath

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